Überblick
In den 1970er Jahren entwickelte Derek Robinson, Marketingleiter bei Boehringer Ingelheim Limited, das Konzept der Migränekunst, um die einzigartige Kraft bildlicher Darstellung beim Ausdruck der Symptome und des Erlebens von Migräne zu fassen. In Robinsons formaler Definition bezeichnet Migränekunst die Idee, dass Techniken der bildlich-repräsentativen Kunst ein angemessenes und mitunter das am besten geeignete Medium sein können, um jene Erfahrungen auszudrücken und mitzuteilen, die als Zeichen und Symptome der Migräne oder als Reaktionen der Betroffenen auf diese Erscheinungen der Krankheit auftreten.

Die Ursprünge von Robinsons Konzept gehen auf das Jahr 1973 zurück, als er Miss J.R.B. begegnete, einer 42-jährigen Kunstlehrerin, die seit ihrer Kindheit mit basilarer Migräne lebte. Vorgestellt wurde sie ihm von Dr. Kenneth Michael Hay MBE, einem niedergelassenen Arzt in den Midlands. Miss J.R.B. hatte sich angewöhnt, ihre Migränesymptome – sowohl den Schmerz als auch die visuellen Störungen der Aura – durch Skizzen und Gemälde zu illustrieren, um ihrem Arzt die Belastung durch ihre Anfälle verständlich zu machen. Robinson erkannte in ihren Arbeiten die Antwort auf seine Suche nach eindringlichen Bildern für die Bewerbung eines neuen Migränemedikaments. Er nahm ihre Arbeiten in ein audiovisuelles Programm auf, das zur Wiege des Migränekunst-Konzepts werden sollte.

Zentral für Robinsons Denken war die bewusste Absage an ästhetisches Urteil. Er verwendete den Begriff „Kunst“ im umfassendsten Sinn, ohne eine ästhetische Bewertung zu implizieren. Das Konzept behauptet nicht, dass Migräne eine eigene, charakteristische Kunstform hervorbringt oder dass Migränebetroffene als Gruppe Werke schaffen, die sich durch die Wirkungen der Migräne selbst auszeichnen. Diese Position findet Rückhalt in einem Zitat des Malers Jean Dubuffet, das Robinson anführte: „Es gibt keine Kunst der Verrückten so wenig wie eine Kunst der Magenkranken oder eine Kunst der Kniepatient:innen.“
Stattdessen demokratisiert Migränekunst die bildliche Darstellung. Sie lädt alle ein, die Migräne erlebt haben – Betroffene oder Künstler:innen, Amateure oder Profis –, ihre Symptome in bildliche Form zu übersetzen. Die so entstehenden Werke reichen von klinischen Beobachtungen, wie sie in der medizinischen Literatur geläufig sind, bis zu subtilen Phänomenen, die zuvor nie dokumentiert wurden. Zusammen ergeben sie das, was Robinson als nahezu vollständigen bildlichen Bestand der Symptome der Migräneaura vorschwebte – ein Zeugnis nicht künstlerischer Brillanz, sondern der kommunikativen Kraft des Bildes dort, wo Worte versagen.