Überblick
Schon Jahrhunderte bevor Derek Robinson in den 1970er Jahren den Begriff „Migränekunst“ prägte, hielten Migränebetroffene ihre Symptome bildlich fest. Diese historische Linie zeigt: Der Impuls, die eigentümlichen Empfindungen der Migräne in bildliche Form zu übersetzen, ist uralt – und verweist auf etwas Grundlegendes an der visuellen Aura und am menschlichen Bedürfnis, Erfahrungen mitzuteilen, die Worte allein nicht hinreichend einfangen.
Die früheste bekannte künstlerische Darstellung der visuellen Migräneaura findet sich im mittelalterlichen Bilderhandschrift „Scivias“ (Wisse die Wege) der Hildegard von Bingen, datiert auf etwa 1151–1152. Hildegard, eine Äbtissin, Mystikerin und Universalgelehrte des 12. Jahrhunderts, erlebte tiefgreifende visuelle Phänomene, die heutige Forscher:innen und Neurowissenschaftler:innen als typisch für Migräneaura – mit oder ohne basilare Züge – einordnen. Ihre Miniaturen zeigen wirbelnde, strahlende Lichtmuster und geometrische Formen, die den von heutigen Betroffenen beschriebenen visuellen Phänomenen verblüffend ähneln. Hildegards Darstellungen liegen fast 700 Jahre vor der ersten medizinischen Abbildung des Flimmerskotoms.

Der Übergang von mystischer zu medizinischer Darstellung kam 1845, als Christian Georg Theodor Ruete ein augenheilkundliches Lehrbuch veröffentlichte, das die erste anerkannte medizinische Abbildung des Flimmerskotoms enthielt – jener charakteristisch zickzackförmigen oder festungsartigen Sehstörung der Migräneaura. Ruetes Bild markiert einen Wendepunkt: den Moment, in dem die Migräneaura in das formelle visuelle Vokabular der Medizin eintrat – von der religiösen Vision oder dem persönlichen Symptom hin zum anerkannten pathophysiologischen Phänomen, das eine klinische Abbildung wert ist.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts brachten die führenden Neurolog:innen der Zeit eigene Illustrationen der visuellen Migränephänomene heraus. Jean-Martin Charcot, der legendäre Begründer der modernen Neurologie, veröffentlichte 1888 Abbildungen des Flimmerskotoms. Joseph Jules François Félix Babinski, einer von Charcots Schülern, ließ 1890 von professionellen Künstlern Darstellungen nach Patientenbeschreibungen anfertigen. Sir William Richard Gowers, der einflussreiche britische Neurologe, dessen Lehrbuch die medizinische Ausbildung über Jahrzehnte prägte, veröffentlichte 1895 eine Abbildung des „Fortifikationsspektrums“, angefertigt vom Künstler Mr. Beck.


Diese frühen medizinischen Abbildungen erfüllten mehrere Funktionen. Sie boten einen visuellen Verständigungsstandard unter Ärzt:innen, unterstützten Aufklärung und Diagnose und legten ein dauerhaftes Zeugnis davon ab, wie Migräneaura zu unterschiedlichen Zeitpunkten der Medizingeschichte verstanden und dargestellt wurde. Auffällig ist, dass diese frühen Abbildungen in der Regel von Künstlern auf Auftrag erstellt wurden, um die verbalen Beschreibungen und Skizzen der Betroffenen ins Bild zu setzen – eine Praxis, die Robinsons spätere Einsicht vorwegnahm, dass die Betroffenen selbst die maßgeblichen Illustratoren ihrer eigenen Erfahrung sind.
Die Lücke zwischen Hildegards mittelalterlichen Visionen und Ruetes medizinischer Abbildung von 1845 wirft grundlegende Fragen nach Repräsentation, Wissen und Legitimität auf. Verändert hat sich nicht das Symptom selbst, sondern die Instanz und der Ort seiner Darstellung. Mittelalterliche Visionen wurden in theologischen Rahmen ausgelegt; die Abbildungen des 19. Jahrhunderts entstanden in der Sprache der Pathophysiologie. Robinsons Konzept der Migränekunst gibt – indem es auf diagnostische Autorität und ästhetisches Urteil verzichtet – die Darstellungsmacht paradoxerweise an jene zurück, die Migräne tatsächlich erleben, und ehrt damit zugleich die alte Tradition persönlichen Zeugnisses und die moderne medizinische Anforderung präziser Dokumentation.