Überblick
Schon von den frühen Wettbewerben an erreichte Migränekunst ein Publikum über vielfältige Medien – weit über die Galeriewand hinaus, in Fachzeitschriften, Publikumsmedien, Bildungsmaterialien und wissenschaftliche Monografien. Diese Verbreitung verwandelte die Migränekunst von einer regionalen Initiative in ein internationales Phänomen, das beeinflusste, wie Forschende, Kliniker:innen und Betroffene gleichermaßen die Phänomenologie der Migräne verstehen.
1984 produzierte WB Pharmaceuticals (ein Schwesterunternehmen von Boehringer Ingelheim) zwei Diamappen mit dem Titel „The Art of Migraine“, die jeweils neun aus den Wettbewerbseinsendungen ausgewählte Bilder enthielten. Sie dienten als Werbe- und Bildungsmittel und brachten Migränekunst in Arztpraxen und auf Tagungen. Im selben Jahr gewann ein Film mit dem Titel „The Art of Migraine“ den Silver Award im Filmwettbewerb der British Medical Association und festigte damit die Legitimität des Konzepts in medizinischen Kreisen weiter.

Die erste wissenschaftliche Publikation, die Migränekunst analysierte, erschien 1985: Marcia Wilkinson und Derek Robinson veröffentlichten ihre Analyse von 207 Wettbewerbseinsendungen in der Zeitschrift Cephalalgia. Diese grundlegende Arbeit lieferte epidemiologische und klinische Daten, die die Vielfalt und medizinische Bedeutung der Werke belegten und etablierten Migränekunst damit als Gegenstand peer-reviewed Forschung.
Oliver Sacks’ Einfluss erwies sich als transformativ. 1992 veröffentlichte Sacks dreizehn Bilder der Migränekunst-Sammlung in der überarbeiteten Auflage seiner Monografie „Migraine“, begleitet von seiner eigenen phänomenologischen Analyse. Seine Widmung an Robinson – „For Derek Robinson – whose curatorship of the Migraine Art collection, and courtesy, have made this new, all-colour edition of Migraine possible!“ – würdigte Robinsons grundlegende Rolle. Sacks’ Buch wurde zu einem wichtigen Kanal, über den Migränekunst medizinisches Fachpublikum, Patient:innen und allgemeine Leser:innen erreichte und das Konzept sowohl im akademischen als auch im populären Raum verbreitete.

Ab 1998 starteten Klaus Podoll und Derek Robinson ein intensives gemeinsames Forschungsprogramm zur Auswertung der Sammlungsbestände. Aus dieser Arbeit gingen zahlreiche peer-reviewed Publikationen in medizinischen, kunsthistorischen und Fachzeitschriften hervor. 2001 erschien ihr Buch „Migräne und spirituelle Erfahrung“, das Verbindungen zwischen Migräneaura und mystischer Vision auslotete. Diese wissenschaftliche Aufmerksamkeit kulminierte in der Monografie „Migraine Art — The Migraine Experience From Within“, 2009 bei North Atlantic Books veröffentlicht. Das Buch mit über 300 farbigen Abbildungen etablierte sich umgehend als Standardwerk – konsultiert von Neurolog:innen, Kunsttherapeut:innen, Medizinhistoriker:innen und Betroffenen, die ihre eigene Erfahrung verstehen wollen.

2003 veröffentlichten Ubaldo Nicola und Klaus Podoll „L’aura di Giorgio de Chirico: Arte emicranica e pittura metafisica“ (Die Aura des Giorgio de Chirico: Migränekunst und Metaphysische Malerei), das die Beziehung zwischen Migräne und moderner Kunst untersuchte. 2008 brachte Betsy Baxter Blondin „Migraine Expressions: A Creative Journey through Life with Migraine“ heraus, eine Verbindung von Migränekunst mit persönlicher Erzählung und Lyrik.
Bilder der Migränekunst illustrierten zahllose Artikel in Fachzeitschriften, Publikumsmedien und Lehrbüchern. Die italienische interdisziplinäre Zeitschrift Confinia Cephalalgica führte 2002 eine Rubrik zur Migränekunst in ihrem Redaktionsbeirat ein. 2006 etablierte die Zeitschrift Functional Neurology eine Rubrik zur Neuroästhetik. Fachzeitschriften, Bildungsmaterialien und Lehrbücher der Kunstgeschichte und Kulturanthropologie haben ausgewählte Werke reproduziert und damit die breite, interdisziplinäre Anerkennung der Bedeutung der Migränekunst dokumentiert.