Überblick
Georgia O’Keeffe sprach in ihrer künstlerischen Praxis ausdrücklich über ihre Migräneerfahrung. Über ihre Zeichnung Special Drawing No. 9 (1915) sagte sie: „Drawing No. 9 ist die Zeichnung eines Kopfschmerzes. Es war ein sehr schlimmer Kopfschmerz. Nun ja, ich hatte den Kopfschmerz – warum nicht etwas daraus machen?“

Diese ausdrückliche Verbindung zwischen neurologischer Erfahrung und künstlerischem Ausdruck hebt O’Keeffe hervor. Sie spekulierte nicht bloß über die Quellen ihres Sehens, sondern setzte Migräne bewusst als Stoff und als Antrieb künstlerischen Schaffens ein. Die Biografin Laurie Lisle berichtet, O’Keeffe habe Bilder einiger ihrer abstrakten Gemälde während Migräneanfällen visualisiert – ein Hinweis darauf, dass die Migräneaura ihre visuelle Vorstellungskraft unmittelbar prägte.

O’Keeffes abstrakte Formen – die fließenden Kurven, das Erkunden innerer räumlicher Beziehungen, der Einsatz von Farbe und Maßstab zur Beschwörung psychischer Zustände – gewinnen im Licht der Migräneerfahrung eine neue Dimension. Ihr Werk zeigt, dass Migräne nicht als Hindernis der Kreativität wirken muss, sondern als legitime, ja produktive Quelle künstlerischer Vision dienen kann.
